Predigten

Predigt Dr. Klein vom 25.08.2019

Liebe Gemeinde,

„Was habe ich vom Glauben?" Diese Frage darf doch einmal gestellt werden. „Was habe ich vom Glauben?" Ja, was? Vorteile?

Geht es Gläubigen besser, sind sie erfolgreicher, haben sie mehr Geld, sind die allzeit oben auf? „Natürlich nicht", werden Sie sagen? Warum? In unserer Welt zählt doch der Vorteil. Ganze Zeitschriften, ja Industrien leben davon, dass Menschen vermittelt wird, durch diese oder jene Methode hätten Sie fast unabweisbar Erfolg, wären sie im Vorteil, Millionär in 12 Monaten, Schlank im Schlaf, Gesund durch Urwaldnahrung oder was weiß ich. Sie werden vielleicht sagen: „Das ist doch alles unseriös." Natürlich! Aber dafür, dass es unseriös ist, nehmen doch viele diese meist teuren Angebote in Anspruch.

Wenn wir uns dann noch klar machen, dass es eine ganze Gesundheits-Industrie gibt, eine Kurortindustrie, die damit wirbt, dass sie den handfesten Vorteil der Gesundheit verspricht, merken wir doch, wie viel Menschen mit der Frage nach dem handfesten, messbaren Vorteil sicher auch an die Kirche herantreten. Wenn es schon lange Schlangen an den Tankstellen gibt, wenn der Benzin einmal besonders billig ist, was meinen Sie, wie lange Schlangen es vor der Kirche gäbe, wenn hier handfeste Vorteile zu holen wären. Wir sehen auch heute Morgen, dass dem nicht so ist.

Die Menschen stellen fest: Auch Christen werden krank, verlieren ihre Arbeit, haben Missgeschicke zu verkraften, und sie sind keineswegs durch die Bank wohlhabender als andere. Auf der Sonnenseite des Lebens müssen sie längst nicht immer stehen. Der kühl kalkulierende Zeitgenosse kommt deshalb zu dem Ergebnis, dass das mit der Kirche, mit dem Glauben doch ganz offensichtlich nichts bringt.

Und damit steht er nicht allein. Das gab es auch schon zu Zeiten Jesu. Da waren auch viele dabei, weil sie sich einen handfesten Vorteil versprachen. Dieser Jesus heilte von Krankheiten, er vermehrte Brot.

Da sagt sich nicht nur der Kölner: „Da simmer dabei, dat ist prima". Bei diesem Jesu schien man doch ganz offensichtlich auf der besseren Seite. Selbst die Jünger waren von diesen Überlegungen nicht frei. Sie machten sich schon einmal Gedanken, wer denn im Himmelreich auf welcher Seite Jesu sitze.

Und dann hören wir davon, dass Jesus in einer Rede sehr unpopulär spricht. Das Ergebnis: Viele wenden sich von ihm ab. „Sie gingen hinfort nicht mehr mit ihm", heißt es Joh. 6,66.

So hatte man sich das nicht gedacht. Kein handfester Vorteil, sondern sogar noch Zumutungen. Nicht auf Platz 1, noch nicht einmal das Versprechen, dahin zu kommen. „Dann lass ich das Ganze." So dachten die Leute damals, so denken viele heute.

„Sie scheinen von außen oft arm und geringe, ein Schauspiel der Engel, verlacht von der Welt.", - die Christen - so haben wir es eben gesungen.

II

Nun, wenn das Christsein schon keine handfesten Vorteile bringt, vielleicht ist es dann doch eben ein ganz besonderer Trost in Krankheit, Not und Leiden. Da haben es die Christen sicher besser.

Nun, ich möchte das zunächst einmal bezweifeln. Wenn Christenmenschen großes Leid überfällt, wenn schwere Krankheit ihn plagt, dann müssen sie den Kummer wie andere tragen, die Schmerzen wie die anderen auch aushalten. Die Behandlungen über sich ergehen lassen, wie andere Leute auch.

„Aber sie sind getröstet", werden sie vielleicht antworten. Stimmt das so ohne weiteres? Steht der Christenmensch nicht vor einer besonders schweren Aufgabe? Er kann sein Leid, seine Krankheit nicht unter dem Stichwort „Ist eben Schicksal" abbuchen. Er muss es mit seinem Glauben, seinem Bild von Gott zusammenbringen. Und das ist oft eine sehr schwere, ja bittere Aufgabe. „Warum mir?", „Warum gerade mir, der ich doch aus Glauben zu leben versuche?"

In solchen Situationen wird Gott oft fremd, ja dunkel. Er wird, wie Luther es sagt, zum deus absconditus, zum „verborgenen Gott", ja nicht genug damit: Er erscheint als ein Gott im Angriff, und man weiß nicht, was man eigentlich getan hat. Das sind schwere Fragen. Das ist noch lange kein Trost.

Luther hat darüber viel nachgedacht, und er gibt in dieser Situation einen Rat: Auf Christus schauen, auf den Mann am Kreuz: Sich nicht an irgendeinem dunklen Gottesbild abarbeiten. Das bringt nichts.

Das Christentum ist eine Religion, die das Leid nicht verdrängt, sondern sich ihm stellt. Ja, das Christentum hält der Frage nach dem Leid stand. Es stellt diese Urfrage der Menschheit, den „Fels des Atheismus", wie Nietzsche sagte, sogar in den Mittelpunkt im Kreuz. Hier ist der Ort, wo Gott leidet. Was für ein eigentlich unfassbarer Gedanke. Hier ist auch der Ort, wo Christus solidarisch mit den Leidenden wird in der Klage „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?" Hier ist aber auch der Ort, wo der Durchbruch zur Auferstehung geschieht. Dem Ort, wo unser Glauben abhebt in eine neue Wirklichkeit.

Wenn ich aber nur diese Wirklichkeit kenne, ist das für die meisten unzumutbar. Und wer die Wirklichkeit des Glaubens kennt, für den ist es doch geradezu schwere Arbeit, sich diese Glaubenshaltung angesichts der „Anfechtungen", so heißt das Wort aus der Glaubenssprache, zu erkämpfen. Keineswegs ist das leichter Trost.

Also dass Christen es im Leid unmittelbar besser hätten, ist so auch noch nicht gesagt.

III

Wenn man das so langsam alles hört, dann wird der Glaube ja geradezu unattraktiv, möchte man meinen. Was ist denn dann der Vorteil des Glaubens? Gibt es vielleicht gar keinen?

Im Leben keinen handfesten Vorteil; im Leid keinen unmittelbaren Trost. So langsam ist verständlich, dass die Kirchen nicht überquellen vor Leuten. Die Sitte und der Brauch in die Kirche zu gehen, haben offensichtlich nachgelassen und dahinter war bei vielen - nichts.

Aber wir sind doch heute Morgen hier. Was ist der Vorteil des Glaubens?

Der Vorteil des Glaubens ist eine Person! Jesus Christus.

Für einen Christenmenschen ist Christus nicht nur eine historische Persönlichkeit, ein Vorbild, dem man vielleicht nacheifern kann, eine guter Mensch, der einen inspiriert. Er ist weitaus mehr. Er ist da. Das ist der Vorteil des Glaubens: Ich bin nicht allein. Sondern ich stehe in Verbindung mit dem Sohn Gottes, durch den die Welt geschaffen wurde und in dem alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis verborgen liegen.

Schön wird der Zeitgenosse sagen: Genau davon merke ich nichts. Deshalb glaube ich ja auch nicht.

Und man fragt sich doch unwillkürlich, warum Gott auch so vorgeht, dass er von den meisten nicht erkannt wird. Martin Luther sagt: Weil der in sich verkrümmte und nur auf sich, sein Ich und seinen Vorteil bezogene Mensch in seiner überheblichen Selbstverblendung, des Sein-Wollens-wie-Gott das Glück eben im Erfolg, im handfesten Vorteil sucht, zeigt Gott sich gerade im Gegenteil. So macht er, wie Paulus sagt, die Weisheit, ja eigentlich die Schlauheit der Weisen, zunichte.

In Christus lässt sich Gott finden, ja in ihm, dem Mann am Kreuz. Nicht in dem himmlischen König, der mit Gewalt sein Reich aufrichtet, wie manche es damals von Jesus erwarteten. In Jesus, dem Kreuzesmann, ist Gott gegenwärtig. Und in dem Auferstandenen und zu Gott Erhöhten ist er auch jetzt gegenwärtig. Er ist jetzt da, ansprechbar. Nun werden manche sagen: „Ach, wissen Sie: Die Kirche, was die alles auf dem Kerbholz hat und überhaupt..."

Damit wir uns nochmal richtig verstehen: Ich rede hier von Jesus. Ob ich zu ihm eine Beziehung habe in religiöser evangelischer, katholischer, freikirchlicher oder sonstiger Form, ist völlig zweitrangig. Das können viele nicht verstehen: Es geht nicht um irgendeine religiöse Form. Es geht um Jesus Christus, der übrigens von poltischen und religiösen Behörden aus der Welt geschafft werden sollte.

Natürlich: „Ach wissen Sie, die Kirche ..." Das ist richtig, das ist schlimm und schade. Dass hat Jesus ja selbst schon erfahren. Deshalb nochmal: Es geht um Jesus Christus!

 

IV

Man fragt sich oft, warum die vier Evangelien eigentlich so schmale Bücher sind. Es sind ja eher Broschüren. Warum hat man damals nicht viel mehr, ja eigentlich alles Greifbare, Erinnerbare von Jesus aufgeschrieben? Warum war man so sorglos, warum beließ man es faktisch bei ein paar Skizzen?

Der Evangelist Johannes schreibt ja sehr bildhaft, die Welt könne die Bücher nicht fassen, wenn man alles über Jesus aufgeschrieben hätte.

Ja warum hat man denn so wenig aufgeschrieben? Der Theologe Karl Heim hat eigentlich die Antwort formuliert: Weil die ersten Christen an den historischen Jesusgeschichten gar nicht so stark interessiert waren. Sie interessierte etwas ganz anderes: Sie interessierte der gegenwärtige Jesus, mit dem sie so in Verbindung waren, als stände er neben ihnen. Ihnen war diese Wirklichkeit noch viel wichtiger als historische Vergangenheit. Die Geschichten von Jesus waren schön; aber er war jetzt da! Ansprechbar! Erfahrbar!

Wie heißt im Lied, das wir singen: „Sie wandeln auf Erden und leben im Himmel, sie bleiben ohnmächtig und schützen die Welt; sie schmecken den Frieden bei allem Getümmel, sind arm, doch sie haben, was ihnen gefällt."

Wenn mein Motto heißt: „Mein Haus, mein Auto, meine Yacht", dann werde ich bestenfalls mit einem Schulterzucken auf einen gläubigen Menschen schauen.

Wenn ich aber so lebe - „sie wandeln auf Erden und leben im Himmel" - wenn ich diese Beziehung zum Göttlichen habe, was interessiert mich dann noch der handfeste Vorteil auf Erden? Ich habe doch viel mehr! Ich habe jemand, der da ist, dem ich vertrauen kann, gerade auch wenn ich ihn nicht verstehe. Ich habe Zukunft weit über die Lebensdauer meiner Yachten hinaus. Ich bin geborgen, so geborgen, dann ist mir doch so was egal. Ich bin im Glauben, im Vertrauen auf Jesus so gut aufgehoben, dass ich es fast nicht fassen kann, wenn ich es mir einmal klar mache.

„Jesus in meinem Haus!"

„Es glänzet der Christen inwendiges Leben, obgleich sie von außen die Sonne verbrannt."
Und dann können wir auch so antworten wie Petrus, als die vielen Menschen Jesus verließen. Jesus fragte die Jünger ganz ruhig, ob sie denn nun auch gehen wollten.

Und Petrus antwortete:

„Herr, wohin sollen wir gehen, wir haben geglaubt und erkannt, dass Du hast Worte ewigen Lebens." Und später wird Jesus sagen: „Sie ich bin bei Euch, alle Tage, bis an das Ende der Welt.

Er ist gegenwärtig. Auch jetzt. Jetzt sage ich es einmal in der Sprache der Kinder, die Jesus so liebte:

Weil ich Jesu Schäflein bin, freu1 ich mich nur immerhin über meinen guten Hirten, der mich liebet, der mich kennt und bei meinem Namen nennt.
Das habe ich vom Glauben!

Amen